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Geiles Essen

Ist nicht eklig, sondern eine Spezialität: Tortilla, gefüllt mit Hirn und Hoden. Stillt den Hunger gleich doppelt.

Um die Libido der Europäer ist es schlecht bestellt, zieht man aus den Berichten über die dramatisch sinkenden Geburtenraten seine Schlüsse. Dabei mangelt es an Rezepten zum Entfesseln des sexuellen Appetits seit Alters her nicht. Die Franzosen verspeisen Frösche, die Italiener schlürfen mit gleicher Erfolglosigkeit Austern, die Polen konsumieren Unmengen von Bier, die Ungarn schwören auf das Blut frisch geschlachteter Schweine, und alle Welt jagt heute den berühmten blauen Pillen aus dem Hause Pfitzer nach. Doch das wahre Geheimnis eines erfüllten Sexuallebens schlummert tief im Süden Spaniens, wo das Leben bei Sonnenschein, Tapas, Wein und Flamenco seinen gewohnten, ruhigen Gang geht.

Alles begann im 18. Jahrhundert in Sacromonte, dem von Künstlern, Spielleuten und Tänzern bevölkerten Zigeunerviertel Granadas: Jedes Jahr am 1. Februar gab der Abt des dortigen Klosters zur Feier des Heiligen Cecilio ein Festessen für die Adligen der Stadt. Am Vorabend des Banketts drangen, so die Legende, Räuber in die Klosterküche ein und plünderten die gesamten Vorräte. Der Abt, der am nächsten Morgen verzweifelt die Küche durchforstete, fand nur noch einen Sack mit Innereien, in dem der Schlachter die „Juwelen“ der gestohlenen Tiere entsorgt hatte. Den heiligen Mann durchfuhr ein Geistesblitz: Hatte nicht Marcellus Empiricus in seinem antiken Rezeptbuch „De Medicamentis“ zur „Steigerung der geistigen und körperlichen Energie“ den Verzehr von mit Honig und Olivenöl angemachten Stierhoden empfohlen?

Kurzentschlossen krempelte der Priester die Ärmel seiner Kutte auf, feuerte den Ofen an und machte sich ans Werk: Sorgfältig säuberte er Hoden und Hirne, kochte sie mit Wasser und Weißwein gar, briet geschnittene Zwiebeln und Karotten mit Salz, Pfeffer und Olivenöl in einer großen Pfanne an, pellte die Hoden wie Kartoffeln und hackte sie zusammen mit den Hirnen in kleine Stücke. Er schlug die Eier schaumig, gab sie zu der Mischung in die Pfanne, ließ die Masse stocken und servierte die so entstandene Tortilla seinen Gästen. Anschließend erfuhr der alte Adel Granadas die Allmacht Gottes am eigenen Leibe: Das Rezept des Abtes entfaltete eine beachtliche aphrodisierende Wirkung. Seither wird es von Generation zu Generation bis zum heutigen Tage weitergegeben.

Die „Tortilla Sacromonte“ wird noch heute als traditionelles Gericht in den meisten Restaurants Andalusiens serviert und erfreut sich insbesondere anlässlich der jährlichen Feiern zu Ehren des Heiligen Cecilio enormer Beliebtheit. Während die meisten Leute den Geschmack des Fleisches mit dem von Huhn vergleichen, sehen andere darin eine Spezialität außerhalb jeglicher Konkurrenz. Über den Geschmack mag man streiten, fest steht jedoch unzweifelhaft, dass Andalusien laut der offiziellen Statistik des Instituto Nacional de Estadistica die höchste Geburtenrate ganz Spaniens zu verzeichnen hat.

Zutaten (für 6 Personen):
100g frisches Hirn vom Stier oder Lamm
100g frische Hoden vom Stier oder Lamm
Olivenöl 
1 Glas Weißwein
6 Eier
Zwiebeln
Karotten
Pfeffer
Salz

Zubereitung:
Hirn und Hoden waschen, mit etwas Wasser, Salz, einigen Lorbeerblättern und etwas Weißwein in einen Topf geben. 5 Minuten köcheln lassen. Anschließend die Mischung in einer Pfanne anbraten. Eier schaumig schlagen und ebenfalls in die Pfanne geben. Oberfläche glattstreichen und unter Zugabe von etwas Olivenöl bei schwacher Hitze garen, bis die Masse stockt.

Autor: Irene Sacchi
Fotos: Claude Dagenais, Sieto Verver, Matthew Cole


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