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Kino ist pervers

An den Schauplätzen von Werken wie Hitchcocks „Die Vögel“ entwickelt der slowenische Philosophe und Psychoanalytiker Slavoj Žižek seine eigene Interpretation des Kinos. Sophie Fiennes begleitet ihn in ihrer Dokumentation „The Pervert’s Guide to Cinema“. Sein Fazit: Es geht um Sex.

Slavoj Žižek zieht dort Parallelen, wo sich keiner zuvor getraut hat, das zu tun. Das macht ihn so einzigartig. In einer Zeit der Europaverdrossenheit beispielsweise vergleicht er unsere Verwirrung über Europa mit Freuds Verwirrung über die weibliche Sexualität. Žižek sagte der britischen Zeitung The Guardian: „Freud gestand seine Verwirrung über das Rätsel der weiblichen Sexualität und stellte die berühmte Frage: Was will eine Frau eigentlich? Stellt sich im Zusammenhang mit der verwickelten Lage der europäischen Verfassung nicht eine ähnliche Frage? Und zwar: Was für ein Europa wollen wir eigentlich?“

Im gleichen psychoanalytischen Fahrwasser hinterfragt Žižek in The Pervert’s Guide to Cinema das Kino. Er regt den Besucher dazu an, darüber nachzudenken, was uns das Kino über uns selber verrät. Die Regisseurin Sophie Fiennes lässt ihn seine Lieblingsfi lme an ihrem jeweiligen Originalset besprechen. Fiennes gibt Žižek die Möglichkeit, das Kino aus psychoanalytischer Sicht zu betrachten. Schließlich liegt sein Talent genau darin, seine theoretischen Analysen anhand der Populärkultur und besonders anhand des Kinos zu verdeutlichen. Sein Buch Was Sie immer schon über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten (Everything You Always Wanted to Know about Lacan [But Were Afraid to Ask Hitchcock]) ist ein typisches Beispiel. Sophie Fiennes gelingt es, in diesem Film eine Dokumentation in eine echte Auf führung zu verwandeln, in der der Zuschauer eingeladen ist, nicht nur zuzusehen, sondern die pervertierte Kunst selber zu leben.

Dem provokanten Filmtitel treu, beginnt Žižek seine Reise mit einer recht grundlegenden Einsicht: „Das Kino ist die ultimative perverse Kunst: es bietet dir nicht das, was du dir wünschst, sondern es bringt dir das Wünschen bei.“ Žižek enthüllt, was Lynch, Chaplin, Tarkowskij, Kubrick und andere über unsere Beziehung zum Unbewussten, über die Beziehung zwischen Fantasie und Realität, Erscheinungen und Sexualität verraten. Seine zentrale Frage: Warum benötigen wir Trugbilder, um sexuell erregt zu werden? In Hitchcocks Film Die Vögel (The Birds) etwa fährt Melanie in einem Boot zu Mitch und phantasiert währenddessen. Žižeks übersetzt, was diesem Phantasma seiner Ansicht nach zugrunde liegt: „Ich will Mitch ficken“. In dieser Szene wird Žižek so gefilmt, als wäre er Melanie. Position und Szenerie sind identisch. Das Kino ist ein fiktionales Wesen. Wir haben genug Abstand zur Leinwand. Deshalb erscheint uns das Betrachten von Filmen eigentlich ungefährlich. Aber es spiegelt unsere Wünsche und Ängste wider, „hält sie auf Abstand, zähmt sie“, wie es Žižek ausdrückt. Große Filmemacher, sagt Žižek am Ende, sind unglaublich wichtig: Sie erlauben es uns, Dimensionen unserer Realität zu konfrontieren, denen wir uns im Leben noch nicht stellen wollen. Und genau dazu fordert dieser Film den Zuschauer auf: Sei nicht so passiv, lass das Geschehen auf der Leinwand ruhig an dich heran.

Filme können das Unerträgliche erträglich machen

Aaron Schuster hat mit der Regisseurin Sophie Fiennes über The Pervert‘s Guide to Cinema gesprochen. Ein Gespräch über gottgleiche Regisseure und bedrohte Männer.

Aaron Schuster: Wie kam ihnen denn die Idee für dieses Projekt und was wollten sie damit erreichen? Interessieren sie sich vor allem für Zizek oder auch für Psychoanalyse und Filmtheorie ganz allgemein?

Sophie Fiennes: Psychoanalyse interessiert mich sehr. In ihr liegt der Schlüssel zu etwas, das wir in diesen Tagen mehr denn je brauchen, wenn wir unser menschliches Wesen in den Griff kriegen wollen. Außer Zizek lese ich nicht viel Filmtheorie. Als Filmemacherin gefällt mir das sehr gut, was er über Filme zu sagen hat. Das erscheint mir alles sehr praktisch, Theorie und Philosophie in einem. Was ich nicht wollte: einen Film über einem Künstler oder Philosophen machen, in dem er mit so einer vermeintlichen Objektivität über sich selbst spricht. Ich wollte ihn bei der Arbeit zeigen, bei dem, was er tun. Also deutet Zizek in meiner Dokumentation berühmte Filmausschnitte.

AS: Am Ende des Films stellt Zizek ja in Frage, ob das Kino der ultimativen Wahrheit des Verlangens ins Auge sehen kann oder ob es die Wahrheit eher mit schönen Illusionen vernebelt. Einerseits ist das ziemlich nah dran an Nietzsches “Wir haben die Kunst, um nicht an der Wahrheit zu sterben”, andererseits erinnert es auch an Jack Nicholson’s bekanntes Zitat aus Eine Frage der Ehre: “Sie wollen die Wahrheit. Damit können sie nicht umgehen!” Das Kino scheint hin und her gerissen zwischen dem Echten und der ideologischen Vernebelung. Was halten Sie von der Vorstellung, dass die Kunst dazu da ist, eine unerträgliche Wahrheit zu zeigen, so dass sie etwas erträglicher wird? Ein bisschen wenigstens.

SF: Diese Spannung innerhalb des Kinos gibt es tatsächlich. Wobei ich nicht glaube, dass Filme das Unerträgliche erträglich machen können. Wenn etwas nicht zu ertragen ist, dann ist es nicht zu ertragen. Punkt. Und etwas das überhaupt nicht zu ertragen ist, das ist die Angst – vor der Schuld, der Sinnlosigkeit, dem Ende. Vielleicht schenkt das Kino uns aber den Glauben, dass wir mit dieser Wahrheit schon umgehen können – und hilft uns also auch, mit der Angst klar zu kommen. Es gibt uns eine etwas unbegründete Zuversicht in unsere Fähigkeit, Dinge auszuhalten. Wir sollten wahrscheinlich demütiger sein und einsehen, dass dieser falsche Mut uns aushalten lässt. Wir sollten uns dafür nicht schämen, sondern, so wie die Charaktere in Samuel Becketts Stücken, bereit sein, unserer Misere ins Gesicht zu lachen und uns damit von dieser unerträglichen Angst befreien. Zizek sagt, Verlangen ist die Wunde der Wirklichkeit. Das Kino ist da in zweifacher Hinsicht eine Herausforderung. Es spielt mit unserem Verlangen, wodurch es Angst hervorruft. Deshalb sind Regisseure göttergleiche Figuren, die in gleichem Maße Vergnügen und Verwüstung mit sich bringen.

AS: “Die einzig gute Frau ist eine tote Frau”. Was sagen Sie dazu?

SF: Weibliches Verlangen ist für Männer eine Bedrohung. Scottie, aus dem Film Hitchcock‘s Vertigo, löscht Judy‘s Identität aus und verwandelt sie in eine fiktionale Frauengestalt, in eine Tote, die nie wirklich existiert hat. Judy wiederum ist hoffnungslos in Scottie verliebt. Sie kann das aber nicht zeigen und der einzige Sex, den sie mit ihm haben kann, findet in ihrer Fantasie statt. Ihr Gesichtsausdruck, als sie aus dem Badezimmer kommt, ist voller Sehnsucht und Wut. Dieses Gesicht ist noch viel schockierender als alles, was Zizek zu sagen hat. Es veranschaulicht die erschreckenden Ausmaße, die die Brutalität zwischen den Geschlechtern annimmt.

Es ist interessant, wie wörtlich das Bild der toten Frau in diesem Film zu nehmen ist. Nehmen wir die Szene im Dress Shop. Da sitzt Judy mit Scottie auf der Couch. Sie trägt keinen BH, ihr üppiger Busen hebt und senkt sich unter dem grünen Kaschmir. An ihrer Brust heftet eine Brosche mit weißen Blumen, als ob Blumen ein Symbol für das weibliche Geschlecht sind. Ihr Geschlecht kann Scottie sehen. Aber er löscht es aus, indem er sich für den grauen, männlichen Geschäftsanzug entscheidet und sie die Haare als mütterlichen Knoten zurücknehmen lässt.

Ich vermute, dass dieser Aspekt der Theorie von Männern, die meine Doku sehen, nicht so große Beachtung findet. Sie hören diese Aussagen Zizeks und vergessen auf wundersame Weise deren ganzen Kontext. Sie sollten sich trotzdem fragen, warum das weibliche Publikum diese Szene mag. Sie beschreibt nämlich ziemlich gut, wie seltsam Männer sind und wie wir Frauen es in der Hand haben: Sein oder nicht sein. Ich halte das für ein sehr provokatives Statement. Und das vollkommen zu recht.

AS: Wie ist The Pervert‘s Guide bisher angekommen?

SF: Die Leute scheinen den Film zu mögen. Das freut mich natürlich, weil ich ja monatelang mit zwanzig Stunden Transkription gekämpft habe. Es ist ganz und gar erstaunlich, wie sich der ganze Tenor des Films verändert, wenn man ein Wort hier oder da ersetzt. Er gewinnt mehr schärfe, wird bedrohender oder aufregender. So ist das mit der Filmemacherei. Es ist ein bisschen so, als ob Zizek Christus ist und ich bin der Heilige Paulus.

Das Interview stammt aus dem litauischen Kunstmagazin „Interviu- The Quaterly Conversation about Art”. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Die „Interviu“ Webseite: www.cac.lt

Author: Chloé Belloc Fotos: www.thepervertsguide.com


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