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Cold Style War

In Osteuropa nur Sexbomben auf Stilettos - im Westen nur Mannweiber auf Sneakers. Soweit die Vorurteile - und hier das Gefecht!

Wenigstens warnt ihr mich vor. Das unmelodische Klackern eurer Pfennigabsätze kündigt meinen Ohren das an, was meine Augen gleich zu sehen bekommen. Halt! Ich weiß, man sollte die Finger von Vorurteilen und Stereotypen lassen. Political Correctness in allen Ehren, aber ein kleiner Flirt mit den modischen Antagonismen zwischen Ost- und Westeuropa dürfte doch wohl erlaubt sein. Es klackert also auf Europas Straßen. Ihr, liebe Osteuropäerinnen, beglückt seit geraumer Zeit nur zu gerne frohen Schrittes westeuropäisches Pflaster.

Spitzer und höher könnte Euer Schuhwerk dabei nicht sein – da ist das Einschüchterungspotenzial eines Speerkämpfers geringer. Eure dünnen, nackten Beinchen, die in diesen Schuhkarikaturen stecken, weisen den Bräunungsgrad eines gut durchgebratenen Grillhähnchens auf. Da tut einem weniger eure Haut Leid als die Umwelt, die mit dieser Energieverschwendung zu kämpfen hat. Wenn ihr schon hier nicht geizt, dann bleibt doch bitte auch beim Outfit konsequent. Minimalismus ist ja in der Kunst ganz angesagt, aber das Stück Stoff um eure Hintern kann man wohl kaum als Rock bezeichnen. Und ich frage mich, welchen Zweck eine „Tasche“ erfüllen soll, in die nicht mehr reinpasst als ihr eigenes Innenfutter. Ach stimmt, da steht ja „Prada“ drauf. Großzügiges Labeling ist für euch Selbstzweck und rechtfertigt natürlich jede sonstige Sinnlosigkeit.

Das, was ihr euch unten rum spart, tragt ihr oben umso dicker auf. Leoparden, Tiger, Schlangen und sonstiges Getier - an euren Klamotten könnte man fortgeschrittene Zoologie studieren. Da kreucht und fleucht die Artenvielfalt der Textildruckindustrie und kopuliert nicht selten mit pinkem Satin oder goldenem Feinripp. Gäbe es einen Pokal für die geschmackloseste Übertreibung, hättet ihr den längst in jeder Kategorie gewonnen. Denn nicht nur, was eure Gewänder angeht greift ihr oft genug viel zu tief in den Farbtopf. So viel Schminke im Gesicht trug ich zum letzten Mal mit fünf, als Indianer beim Fasching.

Mein Federschmuck kam allerdings nicht an die Ausmaße eures hochkarätigen Geschmeides heran. Da hat ja ein Weihnachtsbaum weniger zu tragen. Und wozu zum Teufel braucht man bei dem Wetter eine Sonnenbrille – und dann noch eine mit Gläsern, die größer sind als Untertassen? Ihr seid so aufgedonnert, dass ihr jedem Gewitter Konkurrenz machen könntet. Findet ihr nicht, dass ihr nach eurem letzten wöchentlichen Friseurbesuch etwas zu blond geraten seid? Und denkt ihr wirklich, dass sich der Wert einer Frau an deren Absatzhöhe und Brustumfang messen lässt? Mädels, wenn ihr uns Westeuropäerinnen Stillosigkeit in die – wenn auch nicht so spitzen und doch ziemlich schicken – Schuhe schiebt, dann solltet ihr einmal mehr, als ihr es ohnehin schon tut, in den Spiegel schauen. Stil drückt sich weniger in Superlativen aus, als in der richtigen Dosierung.

Gegen Modemittel aller Art haben wir nichts einzuwenden – vorausgesetzt, man fühlt sich wohl. Weg mit dem kratzigen Leopardenpelz, her mit der eigenen Haut. Die muss ja nicht immer bis zum letzen Quadratzentimeter freigelegt werden. Sexy geht auch ohne Mini. Wir Frauen haben nicht jahrelang für die Emanzipation gekämpft, damit sich alles nun in Puderwölkchen auflöst. Wahre Schönheit kommt von innen.

Wahre Schönheit kommt von innen – von wegen! Was ist das schönste Produkt wert ohne geschickte Werbung? Der Volksmund sagt zwar, es gebe keine hässlichen Frauen, manchmal fehle nur der Wein. Wenn ich mir euch Westeuropäerinnen allerdings so angucke, muss ich feststellen: Da würde nicht mal Wodka helfen. Wo ich hinschaue – mausgraue Mauerblümchen, von der Wurzel bis zum Schopf.

Es fängt schon bei der Fußbekleidung an: Schuhe ohne Absätze sind doch reine Gebrauchsgegenstände. Solche flachen Treter gehen gerade noch so beim Aerobic durch. Mein kleiner Bruder hat knackigere Jeans als ihr und mein Yorkshireterrier trägt mehr Schmuck. „Ausgewaschen“ ist eure Lieblingsfarbe und trister könnten eure Oberteile gar nicht sein. Auch wenn ihr es nicht wahrhaben wollt: Es gibt Kollektionen, deren Bandbreite über baumwollene T-Shirts in drei Farbvarianten und die standardisierte 5-Pocket- Jeans hinausgehen. Lebt ihr etwa immer noch mit der Einstellung: „Wer die Wahl hat, hat die Qual?“ Dann verstehe ich nicht, welchen Zweck riesige Handtaschen, die wie Einkaufstüten aussehen, überhaupt erfüllen sollen. Modisch gesehen jedenfalls sind sie ein absolutes No-Go. Auf euren Köpfen thronen langweilige „Ich-habe-keinen-Schnitt-nötig“-Frisuren.

Und ich will nicht wissen, wann eure Haare zum letzten Mal eine Trockenhaube von unten gesehen haben. Was spricht eigentlich dagegen, dem technischen Fortschritt seine positiven Seiten abzugewinnen? Erfindungen wie Glätteisen, Sonnenbänke oder Hometrainer sind da, damit sie benutzt werden. Ihr bleibt aber diesbezüglich stets Asketen. Eure Wangen schreien nach Rouge. Und wenn Wimpern Wunschzettel schreiben könnten, stünde die Mascara ganz oben auf der Liste. Und was ist mit diesem formlosen Stoffding, das ihr Jacke nennt? Bei einer Zwölfjährigen kann ich derartige modische Ungeschicklichkeiten noch entschuldigen, aber nicht bei einer erwachsenen Frau.

Ihr rennt so krampfhaft Eurer vermeintlichen Authentizität hinterher, dass ich langsam verstehe, warum ihr die flachen Schuhe so nötig habt. Mädels, Eure Persönlichkeit wird nicht darunter leiden, wenn ihr sie der Welt im Komplettpaket präsentiert. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Stil so viele Verneinungen auf Dauer nicht vertragen kann. Man soll mit Natürlichkeit punkten, sagt ihr. Liegt es nicht in der Natur der Frau, zu zeigen, was sie hat? Ihr steht doch so auf Emanzipation. Dann lasst euch nicht jegliche Weiblichkeit rauben. Benutzt mal eure eigenen Waffen! Brust raus statt blickdicht, sexy statt unisex. Die Qualität der Ware erkennt man eben an der Verpackung!

In diesen Ländern wird am meisten Geld für Kleidung und Schuhe ausgegeben (prozentual pro Haushalt)

Griechenland 10.1
Italien 8.2
Portugal 7.6
Lettland 6.9
Estland & Österreich   6.7

Autoren: Julia Fuhr Marzena Lesinska
Foto: Ralph Pache


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