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Grüße aus Tschernobyl

Trash-Trip: Tourunternehmer bieten Ausflüge zum Schauplatz des Super- Gaus an. Geigerzähler inklusive.

Katastrophentourismus 20 Jahre nach der Kernschmelze: Drei Amerikaner, vier Ukrainer und ich verlassen Kiew in einem kleine, weißen Van. Wir sind unterwegs zu der 30-Kilometer-Zone, die das ehemalige Kernkraftwerk von Tschernobyl umgibt. Unser Reiseführer arbeitet für das Katastrophenministerium. Ein ernster, stämmiger Mann mit Schnurrbart. Er trägt Armeekleidung und Turnschuhe, riecht nach Schweiß und kann Fragen nicht ausstehen, wenn er noch nicht ausgeredet hat. Wir sitzen in seinem freudlos eingerichteten Büro mit einem alten Bakelittelefon und vergilbten Zeitungen und hören uns einen einstündigen Monolog über den größten Atomunfall der Geschichte an: Tschernobyl am 16. April 1986.

Endlich führt uns der Reiseführer in die verlassene Stadt Pripyat. Sie wurde Anfang der Siebziger als Vorzeigestadt der Sowjetunion gebaut. Ein Riesenrad steht noch, ein Teddy liegt vor dem verfallenen Kartenhäuschen. Wir kommen zu einem Wohnblock. Zeichen der Plünderung sind überall zu sehen, sogar die Küchenfliesen sind weg. In den späten Achtzigern wurden radioaktive Möbel auf ukrainischen Schwarzmärkten verkauft. Wahrscheinlich kochen immer noch tausende Menschen auf extrem radioaktiven Herden und sitzen auf strahlenden Sofas.

Was mich an der Sperrzone überrascht, ist die überwältigende Natur. Anstelle der früheren ukrainischen Kartoffel- und Kohlfelder sehe ich nichts als Wiesen und jungen Wald. Es herrscht Totenstille, nicht mal Vögel singen. Alle Gebäude wurden verlassen und sind verfallen. Am Eingang eines Wohnhauses hat sich ein Baum durch den Asphalt gekämpft. Mein Geigerzähler fängt an, alarmierend zu klicken, als ich ihn über das Moos auf dem Asphalt halte. Anscheinend speichert Moos besonders viel Radioaktivität.

Wenige Tage nach der Katastrophe wurden mehr als 200 000 Menschen aus dem Gebiet um Tschernobyl evakuiert. Zu der Zeit wurde ihnen gesagt, dass sie in ein paar Tagen zurückkehren könnten. Manche kamen nie wieder, einige erst nach 18 Jahren. Im Moment leben rund 2000 Menschen in der verseuchten 30- Kilometer-Zone. Sie sind zurückgekommen aus Heimweh nach ihren Feldern und großen Bauernhäusern. Sie sagen, sie kümmern sich nicht um die Strahlung. Wieviel Zeit ihnen auch bleibt, sie wollen sie zu Hause verbringen.

Nach unserem Besuch in Pripyat bringt uns der Van zu den Ruinen des Atomkraftwerks. Der geschmolzene Reaktor Nummer vier ist in einen Betonsarg gepackt, der eilig nach dem GAU errichtet wurde. Mein Geigerzähler klickt wie noch nie, so nah an diesem Unglücksort, und unser Reiseführer beschränkt unseren Aufenthalt auf fünf Minuten. Am Ende unserer Tour bekommen wir im Katastrophenministerium ein warmes Mittagessen angeboten. Eine mürrische Frau bringt uns Hühnersuppe, Fleisch, Kartoffelbrei, Krautsalat und Pudding. Die Amerikaner in unserer Gruppe stochern verlegen in ihrem Essen herum. Sie fürchten, das Essen könne verstrahlt sein, aber mein Hunger ist größer als meine Angst.

Ich habe Tschernobyl gesehen. Am letzten Checkpoint müssen wir eine Stahlenvorrichtung passieren, die mich an den Apparat um Frankensteins Monster erinnert. Hier wird die Radioaktivität gemessen, die wir aufgenommen haben. Alles scheint im normalen Bereich zu sein. Ein Wächter hält einen speziellen Geigerzähler an die Reifen von unserem Bus: nicht kontaminiert. Es geht zurück nach Kiew und einen knappen Kilometer hinter dem Checkpoint sehe ich eine Babuschka über ihr Kartoffelfeld gebeugt. Am Straßenrand sitzen Frauen auf Hockern und verkaufen Körbe voller frisch gepflückter Blau- und Himbeeren. Was den Unterschied ausmacht zwischen der 30-Kilometer-Sperrzone und diesem Feld kann mir niemand beantworten.

Reiseinformation:

- In Kiew bieten viele Organisationen geführte Touren zur 30-Kilometer-Zone um Tschernobyl an. Die Kosten sinken, je größer die Reisegruppe ist. Für eine Person muss man mit 300 US-Dollar rechnen, zu sechst sind es noch 100 Dollar pro Teilnehmer. - Die Tour muss mindestens eine Woche vorher gebucht werden, damit die Genehmigung der Behörden rechtzeitig eintrifft. - Mit dem Auto liegt die bewachte 30-Kilometer-Sperrzone zwei Stunden von Kiew entfernt

Autor: Florence Tonk

Foto: Martijn de Vries

www.pripyat.com/en
www.chernobyl.info
www.tourkiev.com/chernobyl.php
www.newlogic.com.ua/en/services/tours/chernobil


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