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Methusalems Kompott

Auf der Mittelmeerinsel Sardinien scheint ein Jungbrunnen zu sprudeln: Nirgends in Europa werden die Menschen so alt wie im Dorf Silanus. Was ist ihr Geheimnis?

Michele Muras trägt über seinen dünnen Beinen weite Hosen, übergroße Gummistiefel und einen hellgrünen Mantel. Der Himmel strahlt blau über seiner Herde Schafe. Jeden Tag treibt er die Tiere auf die Weide, und baut nebenbei auch Wein in seinem eigenen Weinberg an. „Die Landluft ist meine Medizin“, sagt er. Seit ihm sein Sohn bei der Arbeit hilft, komme er sich wie ein Rentner vor, fügt er hinzu. Obwohl er sich doch noch gar nicht so alt fühlt. Tiu Micheli („Onkel Michele“), wie ihn die anderen Dorfbewohner nennen, ist 83.

Er lebt in Silanus, im Herzen der Mittelmeerinsel Sardinien. Auf den ersten Blick ein Dorf wie jedes andere auch: 2300 Einwohner, ein paar Häuser, aufgereiht an ein paar engen Gassen. Die Furchen in den Gesichtern seiner Einwohner erzählen jedoch von einer langen Geschichte, und einer Besonderheit: Silanus ist einer der Orte mit der höchsten Lebenserwartung weltweit, wie Wissenschaftler vom „National Institute for Aging“ in den USA herausfanden. Hier leben mehr Hundertjährige und Über-90-Jährige als sonst irgendwo in Europa. Der kleine Ort steht in einer Reihe mit der japanischen Insel Okinawa, Loma Linda in Kalifornien und Teilen Costa Ricas.

Statistisch gesehen müsste Silanus fünfmal mehr Einwohner haben, angesichts der vielen „Dinosaurier“, die in den engen Gassen unterwegs sind. Während im Rest der Welt ein Mann auf vier hundertjährige Frauen kommt, haben die Männer hier einen entscheidenden Vorteil: Es gibt im Durchschnitt doppelt so viele wie überall anders. Und es gibt bisher keine gute Erklärung, warum.

Tonino Cola zählt mit seinen 77 Jahren noch zu den jüngeren der Einwohner. Täglich steht er in aller Frühe auf, um sich um seinen Esel, die Schafe und das Vieh zu kümmern. Er folgt ihnen auf ihrer kilometerlangen Suche nach saftigem Grün und verbringt die Nächte oft im Freien, da er Angst vor Viehdieben hat, die seine Herde dezimieren könnten. „Man muss alle Dinge im Leben mit Leidenschaft tun“, sagt er.

Während er seine Brotzeit auspackt, erzählt Tonino von der Nahrung, mit dem die Insel ihn versorgt: Fleisch, Käse und „Nieddu“, einen Rotwein, den er selbst anbaut, genauso wie sein eigenes Gemüse. Seit der Einführung des Euro machen das viele Leute in Silanus. So wächst hier das Elixier für ein langes Leben unter der mediterranen Sonne. Eine Ernährung, die hauptsächlich aus Fisch, Gemüse und Vollkornbrot besteht – und Welten entfernt ist von abgepackten Fertiggerichten, die die Supermärkte füllen. Zigaretten? Nur ein paar, nur in harten Zeiten. Medikamente? Noch weniger und nur wenn er sie wirklich braucht, sagt Tonino. Das stärkste Medikament, das es im Dorf je gab, war ein einfaches Antibiotikum.

Ein ruhiges Leben frei von Stress, Nahrung, für die man selbst verantwortlich ist, um die man sich jeden Tag kümmern muss, Anstrengungen, die nichts mit Joggen oder Fitnessstudio zu tun haben: Ist das die Zauberformel für ein gesundes Leben bis ins hohe Alter? Oder sind genetische Faktoren genauso wichtig für das aktive Leben dieser Großmütter und -väter? Dieser Frage gehen Wissenschaftler der Universität Sassari in ihrem Projekt AkeA nach, dessen Name vom alten sardinischen Sprichwort „a kent annos“ – auf die nächsten hundert Jahre – abgeleitet ist. Ihre Theorie: Die isolierte Lage des Dorfes und der Insel und der damit verbundene eingeschränkte Genpool könnten eine Erklärung für die Langlebigkeit der Einwohner von Silanus und Sardinien insgesamt liefern.

Nach Ansicht von Kulturstadtrat Gigliola Congiu kann das nicht der einzige Grund sein. „Natürlich spielt die genetische Veranlagung eine große Rolle“, sagt er und isst einen Teller Pecorino, Käse aus Schafsmilch. „Aber man darf nicht vergessen, dass Nahrung immer kostbar war, besonders während des Krieges, die Leute sind ein asketisches Leben gewöhnt. Noch viel wichtiger ist, dass die Leute hier von ihrer Familie umgeben sind, und somit das Gefühl haben, in der Gesellschaft gebraucht zu werden.“

Das soziale Umfeld im Dorf hat die Bewohner gegen Einsamkeit geimpft, die in den Großstädten eine Geißel für ältere Menschen ist. Kinder sind extrem wichtig hier, und hohes Alter hält die Eltern nicht davon ab, für ihre Kleinen und Großen zu sorgen – und umgekehrt. Ein Altenheim hätte hier keine Chance, glaubt Congiu.

Fancisco Nieddu, der ehemalige Bürgermeister und Gründer von Pro Loco, einer Institution, die kulturelle Veranstaltungen und Aktivitäten organisiert, hat seine eigene Theorie zum Jungbrunnen von Silanus. Er spricht von einer natürlichen Selektion, da die 80- und 90-Jährigen in dieser Gegend alle die frühere Malaria- Epidemie überlebt haben. Er sagt, dass die Leute physisch stärker und widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten sind, und er ist sich nicht sicher, ob seine Kinder ebenfalls einmal so alt werden wie er selbst. Von Stefano Cossu sagt man, dass er ein Kindergesicht hat, nur wenige Falten zeichnen das Gesicht des 93-Jährigen. Er ist gerade damit fertig, seinem Sohn Andrea dabei zu helfen, die Schafe in den Stall zu bringen und kommt jetzt, um seinen anderen Sohn Angelo zu helfen. Die beiden singen „canto a tenore“, ein mehrstimmiges sardinisches Lied, das von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Die Zuschauer staunen ungläubig, als er an seinem Küchentisch lehnt und mit klarer tiefer Stimme singt. Ein langes Leben scheint auch eine Kopfsache zu sein. Das beweist auch die 95-Jährige Andreana Penduzzu. Sie sitzt in ihrem schwarzen Kleid vor dem Kamin und scherzt mit Besuchern, Kindern und Enkelkindern gleichermaßen. Die meisten Sardinier sind voller Energie, aber diese Dame würde eine 30-Jährige neidisch machen. Sie sagt, es seien ihre Enkel, die sie jung und lebendig halten.

„Natürlich sind auch Gene wichtig für ein langes Leben“, erklärt die Ärztin Claudia Hennig, die ein Anti- Aging-Institut betreibt und EU-Kommissar Günther Verheugen in Gesundheitsfragen berät. „Der Unterschied zwischen einem fußlahmen 70-Jährigen und einem gesunden 90-Jährigen liegt in unserer Lebensweise. Das Älterwerden ist wie Geldsparen für die Rente: Je früher man anfängt, ein gesundes Leben zu führen, desto weniger muss man sich später anstrengen, wenn man älter wird.“

In einem abgeschiedenen Dorf wie Silanus ist das leicht zu verwirklichen. Schwieriger wird es, einen solchen Lebenswandel in die Metropolen zu bringen, mitten in den Smog, den Stress und die Hektik. Sind wir dieser Herausforderung gewachsen? Die Antwort darauf gibt es spätestens in 100 Jahren.

Die Bewohner Europas bekommen graue Haare: Schon heute lebt auf dem Kontinent der weltweit höchste Anteil an Alten. 15,9 Prozent der Europäer war im Jahr 2005 älter als 65 Jahre, der Anteil wird bis 2050 auf 27,6 Prozent steigen. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft: Ausgaben für soziale Sicherungssysteme und das Gesundheitswesen steigen, gleichzeitig sinkt der Anteil Erwerbstätiger. Die Europäische Union will deshalb die Senioren der Zukunft beschäftigt und produktiv halten. Sie hat die Initiative „ElderGames“ ins Leben gerufen. Mit Hilfe von Spielen sollen die Alten mental fitt gehalten werden.

Autor/Fotos: Silvia Cravotta
Übersetzung: Susanne Wallenöffer


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