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Homo Exodus

Völkerwanderung der Diskriminierung: 50 Prozent aller Schwulen und Lesben Osteuropas wollen aus ihren Ländern auswandern. Gesellschaft und Politik unterdrücken sie systematisch.

Das hatte es in der Geschichte der Europäischen Union noch nicht gegeben: Ein Premierminister spricht öffentlich diskriminierend über eine Homosexuellen-Parade. „Es ist unakzeptabel, dass sexuelle Minderheiten im Herzen von Riga einen solchen Marsch machen“, sagte Aigars Kalvitis, lettischer Premier, im Juli 2005 vor der geplanten Gay Pride Parade. Und viele Gruppierungen schlossen sich seiner Meinung an. Juris Lavrikovs, lettischer Schwulenaktivist, erzählt: „Vor der Demonstration gab es eine hysterische Kampagne von Schwulenfeindlichen, die von den katholischen, lutherischen und evangelischen Kirchen und von einigen ultranationalen rechtsextremen Vereinigungen gesteuert wurde.“ Nur dank eines Richterspruchs konnte der vom Stadtrat verbannte Marsch doch noch stattfinden. „Als wir uns auf den Weg gemacht haben, haben Tausende von Menschen schwulenfeindliche Slogans angestimmt und Plakate geschwenkt. Darauf standen Sachen wie: „Die Homos vögeln unser Land!“, „Eure Rechte hören da auf, wo mein Arsch anfängt!“, „Der Marsch der Schande!“, erinnert sich Lavrikovs. Mehrmals hätten sich die Gegendemonstranten einfach dazwischengestellt, sich an den Händen gefasst oder mitten auf die Straße gesetzt, um so den Demonstrationszug zu stoppen. Da die Polizei keinen Schutz gewährte, war die Parade schnell beendet. „Sie haben uns mit Eiern und Tomaten beworfen und sogar Tränengas eingesetzt. Wir mussten uns schließlich in eine Kirche flüchten“, so Juris Lavrikovs. Wenigstens sei keiner der Demonstranten verletzt worden.

Weniger glimpflich ging eine Demonstration von Homosexuellen in Russland im Mai 2006 in Moskau aus. Russland hatte die Demonstration nicht genehmigt – und damit internationale Verträge verletzt. Als die Organisatoren trotzdem auf die Straße gingen, bekamen sie den Hass von Hunderten Nationalisten zu spüren. „Moskau ist nicht Sodom!“ oder „Homos raus aus Russland!“ lauteten die Slogans. Andere waren noch radikaler: „Schwule sollte man umbringen“, sagte Boris, ein junger Sicherheitsagent. Während die Polizei versuchte, die Horden von Skinheads zurückzudrängen, gelang es einer kleinen Gruppe von Jugendlichen, die Demonstranten anzugreifen. Unter den Verletzten waren der deutsche Bundestags-Abgeordnete Volker Beck von den Grünen sowie Pierre Serne, ein militanter Naturschützer. Beide waren nach Russland gekommen, um die dortige Schwulenbewegung zu unterstützen. Die Situation in Lettland und Russland ist für Osteuropa keine Seltenheit. In Weißrussland steht ein Großteil der Bevölkerung der aufkommenden Homosexuellen- Bewegung feindlich gegenüber: „47 Prozent der Weißrussen sind der Meinung, dass Homosexuelle ins Gefängnis gehören“, sagt Svyatoslav Sementsov, aktives Mitglied der Organisation Vstrecha. Die Zahl hat er einer Studie der weißrussischen Liga für die Gleichstellung der Geschlechter entnommen.


Die Stimmung gegen Homosexualität wird auch von den Religionen geschürt. Papst Benedikt XVI. hatte bereits als Kardinal unter Papst Johannes Paul II. eine ablehnende Haltung gegenüber Homosexuellen öffentlich vertreten. In einer Pressemitteilung schrieb er damals: „Die Gesetzgebungen zu Gunsten der homosexuellen Lebensgemeinschaften widersprechen der rechten Vernunft.“ Katholische Parlamentarier forderte er auf, ihren Widerstand gegen die Gesetze öffentlich kundzutun. Für den heutigen Pontifex ist Homosexualität eine „Anomalie“, deren Praktiken zu den „Sünden“ gehören, „die schwer gegen die Keuschheit verstoßen.“

Dass die kirchlichen Institutionen so klar Stellung gegen homosexuelle Praktiken bezogen haben, löste in der politischen Elite in Polen ein großes Echo aus. Durch die Politiker wurden die schwulenfeindlichen Erklärungen und Regelungen noch verstärkt. Der damalige Premierminister, Kazimierz Marcinkiewicz, erklärte im Jahr 2005: „Wenn eine Person versucht, eine andere Person mit Homosexualität anzustecken, muss der Staat Maßnahmen ergreifen, um diesen Angriff auf die persönliche Freiheit zu verhindern.“ Im Jahr 2006 wurde ein hoher Beamter vom Erziehungsminister suspendiert. Begründung: Er hatte „Compass“ verteilt, ein Informationsheft des Europarates, das Jugendliche für Diskrimierung sensibilisieren soll. Seine Nachfolgerin Teresa Lecka verlor keine Zeit, ihre Position klarzustellen: „Die Homosexualität entspricht nicht der menschlichen Natur (...) Dieses unsittliche Verhalten wird an unseren Schulen nicht geduldet werden. Das Ziel der Schule muss es sein, den Unterschied zwischen gut und schlecht, schön und hässlich beizubringen. (...) Die Schule muss erklären, dass homosexuelle Praktiken zu Dramen, emotionaler Leere und Degenerierung führen.“ Der polnische Abgeordnete Wojciech Wierzejski rief im Vorfeld einer „Gleichheitsparade“ in Warschau sogar öffentlich zu physischer Gewalt gegen Schwule und Lesben auf: „Falls die Perversen anfangen zu demonstrieren, sollte man sie mit Knüppeln verprügeln.“

Und noch schlimmer: Laut Amnesty International kam es bei einem Aufmarsch in der Nähe von Poznan zu einem Zusammenstoß zwischen militanten Befürwortern der Homosexuellen mit der neofaschistischen Allpolnischen Jugend „Mlodziez Wszechpolska“, der Jugendorganisation der Regierungspartei Liga Polskich Rodzin. Einige Mitglieder von „Mlodziez Wszechpolska“ riefen sogar dazu auf, Schwule und Lesben auszurotten. Es waren Rufe zu hören wie „Die Schwulen vergasen“ und „Wir werden das Gleiche mit euch machen, das Hitler mit den Juden gemacht hat“. Angesichts dieser Anfeindungen und der Schwierigkeiten, denen sie sich gegenüber ihren Angehören ausgesetzt sehen, können die Homosexuellen in Osteuropa ihre Sexualität oft nur schlecht ausleben. Statistiken der ILGA (Internationale Schwulen- und Lesbenvereinigung) über den Anteil der Homosexuellen in den zehn neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union machen deutlich, dass rund 50 Prozent der Betroffenen ihr Land verlassen. Die Folgen der Diskriminierung sind hier im familiären Umfeld, in der Schule, am Arbeitsplatz, in der Armee, aber auch in Krankenhäusern sowie in der Kirche spürbar. Mehr als 40 Prozent waren schon Opfer von Belästigungen, und mehr als 20 Prozent waren physischer Gewalt ausgesetzt. In Rumänien, der Slowakei und in Slowenien gaben 25 Prozent der Homosexuellen, die Opfer von Gewalt waren, an, dass die Polizei ihnen ablehnend gegenüber stand, als sie Anzeige erstatten wollten. In der Mehrzahl der osteuropäischen Staaten ist Gewalt gegen Homosexuelle keine Ausnahme. Die Schwulenfeindlichkeit ist meistens tief in der Polizei und der Armee verwurzelt. Ein Bericht der ILGA zitiert einen jungen Rumänen: „Während meines Armeedienstes wurde ich von drei Offizieren vergewaltigt (...) Nachdem sie damit fertig waren, mich in das ,Vergnügen zu dienen’ einzuführen, beschlossen die drei Männer anscheinend, mir eine Lektion in Sachen Sex erteilen zu müssen.“

Wer kopfschüttelnd nach Osteuropa schaut, sollte sich bewusst machen, dass die Zeiten öffentlicher Schwulenanfeindungen auch in Mitteleuropa noch gar nicht so lange vorbei sind. 1960 hielt der damalige Regierungsabgeordnete im französischen Parlament, Paul Mirguet, eine offen schwulenfeindliche Rede: „Ich denke es ist zwecklos lange darüber zu reden, denn sie sind sich alle der gefährlichen Geißel bewusst, die da heißt ,Homosexualität’. Vor dieser Geißel müssen wir unsere Kinder schützen.“ Die französischen Abgeordneten stimmten damals für die Einführung einer neuen Kategorie in das Strafrecht: „Die Erregung öffentlichen Ärgernisses in Form eines unnatürlichen Akts mit einer Person gleichen Geschlechts“.

„Bis zum Ende der 70er Jahre wurde diese Sache von den Medien und der Öffentlichkeit totgeschwiegen“, erinnert sich der Anästhesist Jean-Michel Bonnet, der aus einem kleinen Ort in der französischen Provinz stammt. So wie 46 Prozent der homosexuellen Franzosen hat auch er sich entschieden, in die Region Paris zu ziehen. Wie die Mehrheit seiner Gesinnungsgenossen gehört der rüstige Mitfünfziger zur oberen Einkommensschicht. „Wenn ich nicht schwul wäre, würde ich wahrscheinlich immer noch in der Provinz wohnen“, meint er. „Damals war Homosexualität noch ein völliges Tabuthema.“ Erst in den späten 70er Jahren und Anfang der 80er haben sich bestimmte Interessensgruppen – wie das Notfallkomitee gegen die Unterdrückung von Homosexuellen – gegründet, die dazu beitrugen, dass die Bewegung in der Öffentlichkeit mehr wahrgenommen wurde. „Als ich die Provinz verließ, um nach Paris zu gehen, lebte man noch ein bisschen wie die ersten Christen, mit einem bestimmten Code und speziellen Treffpunkten. Es gab nur Bars mit getönten Scheiben.“

Aber im Lauf der letzten 20 Jahre sind die Dinge in Bewegung gekommen. Seit der Entkriminalisierung 1982 bis zum Solidarpakt im Jahr 1999 hat sich die Situation für die Homosexuellen in Paris beständig verbessert. „Inzwischen gibt es das Marais- Viertel, und der Oberbürgermeister von Paris ist selbst ein Schwuler. Es ist tatsächlich eine Banalisierung spürbar, die für mich sehr beruhigend ist. Aber man muss weiterhin wachsam bleiben. Eine Minderheit bleibt immer eine Minderheit. Und man muss sich nur anschauen, was im Namen der Religion passiert, um zu begreifen, dass nichts selbstverständlich ist“, so Bonnet. Auch wenn Homosexualität von der Familie und Freunden mehr und mehr akzeptiert wird, ist es für die Schwulen und Lesben selbst immer noch nicht so einfach. Junge Homosexuelle in Frankreich zwischen 16 und 39 Jahren versuchen 13 Mal häufiger, sich umzubringen, als heterosexuelle Jugendliche.

In Zukunft soll mit Unterstützung durch die französische Homosexuellen-Bewegung auch eine bessere rechtliche Stellung erreicht werden. Heirat, Steuer, Adoption, Erbfolge, Familienzusammenführung: Es gibt immer noch viele Bereiche, in denen Homosexuelle diskriminiert werden. „Der nächste große Schritt wird die rechtliche Gleichstellung sein. Die Tatsache, dass ich schwul bin. ist meine Privatangelegenheit, wie die Religionszugehörigkeit oder eine Ernährungsgewohnheit.“

Jean-Michel Bonnet bestätigt auch, dass er sich im Alltag heute nicht mehr diskriminiert fühlt. Er wünscht sich, dass Homosexuelle in den Ländern des ehemaligen Ostblocks das auch bald sagen können. Er zeigt sich zuversichtlich: „Die osteuropäischen Länder entdecken gerade erst ihre Vielfalt, egal ob es dabei um die politische, die religiöse oder die sexuelle Vielfalt geht. Wenn man heute nach Prag fährt, sieht man viele Mut machende Dinge. Man hat nicht den Eindruck, dass es sich von Paris allzu sehr unterscheidet.“

Für den Mediziner aus Paris muss der Kampf für die Sache der Homosexuellen im Osten durch gemeinsame Aktionen weitergehen: „Engagiert euch! Tut euch zusammen! Tauscht euch aus! Fahrt in den Westen! Und ganz wichtig: Nutzt die Chance, die sich euch durch Europa bietet!“

Die Zitate der jungen homosexuellen Aktivisten aus Europa wurden von der MAG (Mouvement d’Affirmation des jeunes Gais et lesbiennes) aufgezeichnet. Die vollständigen Interviews sind auf der Seite www.mag-paris.org/magazette abrufbar.


Autor: Etienne Deshoulières Foto: Will van den Dool Joab Nist Übersetzung: Susanne Wallenöffer


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